Denk mal „Afrika“!

Wer etwas Zeit hat, das Umland von Brüssel zu erkunden, sollte nicht nur Waterloo besuchen, wo Hannoveraner heroisch kämpften und Preußen das Schlachtenglück wendeten, sondern auch die Gemeinde Tervuren. Dort wird man daran erinnert, dass im Ersten Weltkrieg Belgier und Deutsche sich um Tansania, Ruanda und Burundi stritten, denn hier steht das Afrikamuseum. Seine Sammlung zu Zentralafrika gilt als eine der umfangreichsten und interessantesten Kollektionen zu afrikanischer Kultur und Natur weltweit. Das Museum verdankt seine Existenz der belgischen Kolonialgeschichte. Der belgische König Leopold II. (1835-1909) hatte zunächst den Kongo als eine Art Privatkolonie besessen, man sprach vom „Freistaat Kongo“, doch es war unvermeidlich, dass er als König der Belgier auch den belgischen Staat in seine kolonialen Ambitionen verwickelte. 1908 wurde der Kongo eine Kolonie Belgiens.

Zunächst entstand das Museum, um Belgiens zivilisatorische Mission in Afrika zu feiern. Stolz war man darauf, dass eine von Leopold II. bezahlte Armee, die sogenannte „Force Publique“, den Sklavenhandel nordafrikanischer Händler im Kongo beendete. Es wurden Monumente errichtet, versehen mit tapferen Belgiern, dankbaren Schwarzen und gefallenen Nordafrikanern – stolze Kolonialpropaganda. Heute schaut man ganz anders darauf. Die Geschichte von „primitiven Schwarzen, die durch den weißen Mann gerettet werden“ kann so nicht mehr erzählt werden. In den letzten Jahren ist das Ausstellungskonzept deshalb stark verändert worden. Das lief nicht ohne Diskussionen: Für viele Belgier mit kongolesischen Wurzeln war es zu wenig, für viele „alte Belgier“ war es zu viel. Jedenfalls zeigt das Museum jetzt nicht nur die Natur, Ethnographie, Wirtschaft und Geschichte des Kongos, sondern stellt auch das aktuelle, laute und dynamische Land mit seinen Herausforderungen, Kontrasten und Konflikten vor.


Nach einem Besuch des Museums lohnt sich ein Spaziergang. Vier Monumente in unmittelbarer Nachbarschaft des monumentalen Museumsgebäude stellen wir hier kurz vor.

Vor dem sogenannten „Kolonien-Palast“, mitten im Kreisverkehr, steht ein tüchtig sprühender Brunnen, wo exotische Tiere „Wassermusik“ spielen. Das Werk wurde vom belgischen Bildhauer Tom Frantzen 2005 hergestellt. Frantzen ist für seine humorvollen Werke bekannt, so lässt er in Brüssel einen Hund aus Bronze sein Bein heben (Zinneke Pis), und auch seine Brunnenplastik in Tervuren bringt ein Lächeln auf die Lippen des Betrachters. Die Bandundu Water Jazz Band hat und macht wirklich Spaß. Der Afrikabezug darf auch hier nicht fehlen: Jazz geht zurück auf afrikanischen Klang und Rhythmus.


Ein weiteres Werk von Tom Frantzen, der unweit des Museums sein Atelier hat, findet sich im Museumspark: The Congo, I presume? (1988) Der Titel spielt mit einem Augenzwinkern an die Frage Morton Stanleys an, als dieser nach Monaten der Suche den vermissten Livingstone fand. Frantzen nimmt mit diesem Denkmal Leopold II. auf den Arm: Der Elefant würdigt den König keines Blickes und auch der Löwe dreht den Kopf von ihm weg. Überragt wird der König außerdem von drei stolzen afrikanischen Kriegern. Flamingos stehen für Afrikas Urmigranten, ein Pfau verkörpert Leopolds Eitelkeit. Mahnmal oder Kitsch?

Beeindruckend ist der Elefant, der am Parkplatz des Museums steht, unmittelbar an der Durchgangsstraße vor dem Museum. Entstanden ist dieser anlässlich der Brüsseler Weltausstellung von 1935. Hier schmückte er den Pavillon der bekannten Schokolademarke Côte d’Or. Später fand er dann seinen Weg nach Tervuren. Kriegselefanten hatte es aber im Kongo nie gegeben. Sie sind eine rein belgische Phantasie.

Im starken Kontrast hierzu steht das das Kunstwerk des kongolesischen Künstlers Freddy Tsimba: An einer Wand des Museums können wir acht Figuren sehen. Sie haben keine Köpfe und stehen mit gestreckten Armen an der Wand. „Polizeikontrolle“ denkt der Betrachter. Das Kunstwerk trägt den Titel Centres fermés, rêves ouverts, was sich mit „geschlossene Zentren, offene Träume“ übersetzen lässt. Das Werk von 2016 verweist auf die Flüchtlingsproblematik im Mittelmeer und ist als deutliches Mahnmal gemeint.

Während die anderen Kunstwerke eher Spielereien sind, schlägt das Werk von Tsimba einen ernsteren Ton an. Die Wertung ist dem Betrachter überlassen. Die Flamingos haben jedenfalls nicht verhindern können, dass Leopold schon mal mit roter Farbe beschmutzt wurde. Er sollte froh sein, dass ihm die Hände nicht abgesägt wurden, so geschehen bei einem Leopold-Denkmal in Ostende. In Tervuren hat er keine Hände. Er hat schon ein ganzes Museum…


Paul Sanders

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